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„Schwarzer Tee!“ – Garda im Interview

In Dresden haben sie als Gründungsmitglieder der Formierung „Kumpels & Friends“ einen großen Kreis um sich herum aufgebaut. Einen Kreis an Freunden, die sich unter dem Dach „K&F“ in den verschiedensten Richtungen austoben können. Sie sind stolz auf die Tatsache, dass mittlerweile manch Freund davon leben kann. Jeder kann von jedem profitieren. „Ein Konglomerat aus kreativen Menschen“, bezeichnet es Ronny, u.a. Schlagzeuger der Band Garda. Der Drang nach unbeschwertem Leben treibt sie an. Mit dieser Attitude im Gepäck entstehen wundervolle Dinge. So fuhr die Band zum Beispiel gemeinsam in den Urlaub nach Schweden, um an der neuen Platte, die wohl im nächsten Jahr auf den Markt kommt, zu basteln. „Ich hab dort geangelt, hab aber ein wenig abgekackt gegenüber den anderen, da ich nicht so viele an Land ziehen konnte. Insgesamt waren es 24 Fische, wovon wir aber nur 3 gegessen habe, weil wir dann kein Bock mehr hatten.“, kommentierte Ronny die Klassenfahrt. Darüber hinaus gehen Garda auch einfach mal aus einer Bierlaune heraus auf Tour in Japan. Wie das für Garda letztes Jahr im Dezember war und was sie von der Reise mitgenommen haben, lest ihr im folgenden Interview.

ronny: Limp Bizkit ist offiziell Vorband des Revival-Konzerts der Böhsen Onkelz.

mvw: Mist, da müssen wir ja das Interview von unserer Seite nehmen. 

ronny: Krass, oder?

mvw: Die werden die Hintergründe aber nicht kennen.

ronny: Die Amis interessiert das doch sowieso nicht.

kai: Das ist denen egal.




ronny: So Max, hallo.

mvw: Hallo Ronny, hallo Kai. Wie kam es eigentlich dazu, dass ihr in Japan auf Tour gewesen seid?

ronny: Fang mal von ganz vorne an, Kai.

kai: Es war, glaube ich, 2009, als ich in einer Bierlaune auf die Idee gekommen bin, ein japanisches Label, mit denen ich schon für eine amerikanische Band zusammengearbeitet habe, einfach mal anzuschreiben, ob die nicht vielleicht unser erstes Album veröffentlichen wollen. Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und hab mir gedacht: ‚Uh, das hättest du mal lieber nicht machen sollen.‘, aber zwei Wochen später kam die positive Antwort und es wurde dort auf den Markt gebracht. Ich glaube nicht, dass da all zu viele verkauft wurden, dennoch haben die auch noch unser zweites Album, über das sie im Übrigen die Meinung hatten, es sei das Beste was sie in dem Jahr gehört hätten, veröffentlicht. Daraufhin haben wir uns gedacht, wir können jetzt nicht einfach die wieder unser Album machen lassen, ohne dass wir etwas dafür tun und haben uns überlegt, dass wir dort auf Tour gehen wollen. Das ist in Japan aber relativ schwierig, da du als No Name-Band dort keine Gage, kein Hotel, geschweige denn etwas zum Essen bekommst. Die Flüge etc. kosten aber, und am Ende stand da eine Summe von 10000 €. Wir wollten das aber machen, da alles weitere abgedeckt war. Zum einen haben wir es mit privaten Sponsoren versucht und auch das Goethe-Institut angeschrieben, die uns dann auch fast 60 % der Summe gegeben haben. Es fehlten aber noch die 40 %, also haben wir eine Crowdfunding-Kampagne, obwohl das eigentlich nicht unser Ding ist, gestartet und haben so relativ schnell die 4000 € zusammen gehabt. So ist das zustande gekommen. Dann hat uns unser Label eine Tour gebucht. 7 Konzerte in 12 Tagen sind dabei rausgekommen, von Tokio bis Osaka. Auch kleinere Orte, was dort aber einer Einwohnerzahl von einer Million entspricht und ja, dann waren wir auf einmal letztes Jahr im Dezember da drüben.

mvw: William Fitzsimmons hat in einem Interview mit uns behauptet, dass in Japan die Menschen und Veranstalter großzügig sind, einen mit offenen Armen empfangen. Könnt ihr das bestätigen?

ronny: Man kann da jetzt vielleicht nicht von den Veranstaltern reden, aber die Leute vom Label zum Beispiel haben sich ordentlich den Arsch für uns aufgerissen. Es waren insgesamt drei Japaner, die die ganze Zeit mit uns gereist sind und die haben richtig viel gegeben, ohne dass sie auch nur ansatzweise etwas dafür haben wollten. Das ist auch ganz schwierig mit denen. Wir hatten auch ein paar Räuchermänner als Gastgeschenk mit, worüber sie sich zwar auch gefreut haben, aber man merkte deutlich, dass sie lieber geben als nehmen. Das sind echt übelst krasse Menschen.

kai: Also herzlich und sehr respektvoll. Ein gutes Beispiel dafür war der letzte Tag, als wir sie zum Abschluss zum Essen in einem Sushi-Laden in Tokio eingeladen haben. Da haben sie sich erstmal ganz bescheiden nur einen ganz kleinen Teller mit zwei Röllchen genommen, worauf sie meinten, sie seien satt. Dann mussten wir ihnen sagen, dass sie noch nicht satt sein können und erst mit viel Kampf haben sie sich noch einen Teller genommen. Sie waren echt von früh 10 Uhr, als sie uns am Hotel abgeholt haben, bis nachts 3 Uhr komplett für uns da. Auch die Gesellschaft war extrem respektvoll.

mvw: Nehmen wir doch da mal ein Konzert raus. Welches war denn euer Favorit?

kai: Ich fand Kanazawa super. Da haben wir in einer Art Keller mit 3 anderen Bands gespielt. Das war aber genauso cool wie zum Beispiel Tokio, als wir in einem High-End-Club in einem Wolkenkratzer gespielt haben. Da war alles tipptopp. Aber auch Osaka, ebenfalls in einem Keller, wo über uns die ganzen Rohre lang liefen. Irgendwie hatte alles was. Was war denn dein Favorit, Ronny?

ronny: Ich fand Tokio am coolsten.

mvw: Du bist auch mehr der High-End-Typ, was?

ronny: Yo, das ist meins (grinst).

kai: Das war aber echt unfassbar. Das war in einem Hochhaus, wo ich nicht weiß wie viel Etagen das überhaupt waren und auf jeder war etwas los. Bei uns haben vier Bands gespielt, unter uns war eine Manga-Night oder so, wo japanische Metal-Bands gespielt haben, da war halt mal ein Event mitten in Tokio. Krass. Dann bist du raus und da war wieder alles groß. Das war wie ein kleiner Mikrokosmos da drin.




mvw: Wie viel Leute waren da durchschnittlich bei den Konzerten?

kai: Von Minimum 20, wobei da vielleicht zwei Zahlende waren, weil die anderen alle von den Bands kamen, bis ca. 90. Trotz dass wir Prozente von den Eintrittsgeldern bekommen haben, war aber nicht großartig an Geld verdienen zu denken. Es waren auch Konzerte dabei, wo wir gar nichts eingenommen haben. Dort waren wie gesagt, aber trotzdem 20 Leute da, die aber meist von den Vorbands waren und sich später sogar als Fans entpuppten. Das war für uns schon verrückt. Man fährt in ein Land, wo dich keiner kennt und du hast trotzdem so Rockstar-Situationen, wie zum Beispiel in Nagoya. Da sind wir wieder einmal zu spät angekommen und dann standen da zwei Japaner mit Mundschutz und unserem Foto in der Hand und wollten vor dem Konzert Autogramme haben. Da denkt man sich schon: ‚Strange‘ (lacht).

mvw: Wie lief die Nacht bevor ihr los geflogen seid? Was geht da in einem ab?

kai: Ich hatte Magen-Darm (lacht).

ronny: Ich muss jetzt ganz kurz überlegen wie das war… Hatten wir den Tag davor nicht irgendwas gemacht?

kai: Ich glaube, wir hatten eine Probe oder so. Jedenfalls war es nicht real. Real wurde es erst auf dem Weg zum Flughafen. Wir sind von Prag geflogen und auf dem Weg dahin, hat man sich überlegt auf welchem Weg wir uns eigentlich befinden. Allein der Fakt in den Flieger zu steigen, um eine Tour zu spielen ist da ja schon crazy. Spätestens aber beim Zwischenstopp in Istanbul, als dann das erste Mal Tokio an der Anzeige stand, haben wir uns gedacht: ‚Fuck!‘. Im Flieger wurde es dann immer mehr und als wir angekommen sind, war es dann richtig krass. Richtig fassen konnte man es aber erst danach.

mvw: Was habt ihr von der Reise mitgenommen? 

ronny: Schwarzen Tee!

kai: Ja, schwarzer Tee. Ich trinke weniger Kaffee als zuvor und greife lieber mal zum Tee sowie den Umgang miteinander und eine gewisse Gelassenheit. Wenn du in Tokio bist, wo ungefähr 30 Millionen Leute leben, man so ist wie ich, der schon wenn er nach Berlin reinkommt das Kotzen kriegt und dann aber alles gut ist, weil alles sich im Fluss bewegt, niemand dich anrempelt, dann wird man gelassener. Respekt, glaube ich, ist auch ein gutes Wort. Die Wertschätzung für kleine Sachen ist gestiegen. Noch einmal zu den Label-Leuten: Die haben im Bus geschlafen, während wir im Hotel waren und wollten nicht mit rein. Dass Leute sich für vorher unbekannte Menschen so aufopfern und daraus eine Freundschaft entsteht, das war irgendwie das Schönste. Als wir vor 15 Jahren mit Krachmusik unterwegs waren, hätte ich nie gedacht, dass wir mal Freunde in Japan haben werden.

garda_003_(c)_sebastian_brauer "Kristall-Magazin"

mvw: Krachmusik?

kai: Weitgehend.

ronny: 1999 haben wir eine Band namens Claim gegründet und machen bis heute Post-Hardcore-Emo-Gebrülle.




mvw: Wie kam dann der Schritt Richtung melancholisches Garda zustande?

kai: Das war bloß Zufall. Ich hab mir mal eine Akustik-Gitarre gekauft und hab für mich rumgetüdelt. Dann kam ein guter Freund von uns, der in Dresden eine Songwriter-Bühne veranstaltet hat, auf mich zu, dass ich bei der ersten Ausgabe spielen sollte. Ich hab mir dann gedacht, ich bin doch nicht bescheuert und stell mich allein auf die Bühne. Deswegen hab ich Ronny gefragt, wir haben dann dort gemeinsam gespielt und daraufhin kam der Rest der Band nach und nach dazu. Da waren wir auf einmal fünf. Dann kam noch der Bassist von Claim dazu und wir waren sechs. Daraufhin haben wir irgendwie unser erstes Album aufgenommen.

ronny: Geschustert!

kai: Geschustert, genau. Das ist dann immer weiter gewachsen. Wir konnten uns alle in dem Projekt verwirklichen. Es ist und war eine Herzensangelegenheit.

mvw: Teilweise standet ihr schon mit zehn und mehr Musiker_innen auf der Bühne… Jetzt seid ihr gerade wieder zu zweit unterwegs. Wie fühlt sich das für euch an?

ronny: Das ist so Striptease-mäßig. Du machst dich komplett nackig. Mit mehreren Leuten auf der Bühne ist man viel sicherer. Wenn du dich da mal verhaust, bekommen das weniger Menschen im Publikum mit, als in so kleinen Räumen nur zu zweit. Da geht es halt ans Eingemachte. Das ist aber riesig spannend, weil dadurch eine ganz andere Beziehung zum Publikum aufgebaut wird. Gerade auch weil man die Fehler hört, wird die Atmosphäre dadurch speziell.

kai: Die Distanz verschwindet und die Leute nehmen das gerne an. Sie merken, dass sie Teil des Ganzen sind.

mvw: Also jetzt wieder öfter oder seid ihr froh, wenn ihr euch wieder in den warmen Mantel der ganzen Band begeben könnt?

ronny: Nö, ich denke, das haben wir jetzt mal gemacht und dann machen wir mal wieder etwas anderes und dann machen wir wieder so etwas. Man weiß ja auch nicht, wo es mit der Band hingeht. Zu zweit ist es ja auch von der wirtschaftlichen Sicht viel entspannter, als wenn du so einen riesigen Tross auf Tour schicken musst. Wir sind da flexibel.

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