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Interview mit William Fitzsimmons

Was für ein dufter Typ, was für ein Bart? WOW! William Fitzsimmons wuchs als Sohn blinder Eltern auf und nachdem er Psychologie studierte, beschloss er mit seinen Songs mal ein wenig auf Tour zu gehen. Mittlerweile ist er rumgekommen und kann einiges von diesem Tourleben erzählen. Aber nicht nur das. Im Zuge seines Aufenthalts in Leipzig trafen wir ihn in Leipzigs schönster Venue, dem UT Connewitz, und sprachen mit ihm über seine Kindheit, Soziopathie, Vatergefühle und natürlich seine aktuelle Platte.

mvw: William, wie war die Tour?

william fitzsimmons: Das waren sechs gute Wochen. Es fühlt sich immer irgendwie lang und kurz zugleich an. Ich mein, du lebst dann in dieser lächerlich kleinen Welt und die meiste Zeit bist du in einem Van, sitzt unbequem und versuchst irgendwie durchzukommen, um dann auf die Bühne zu gehen, was sich wie eine Explosion anfühlt. Aber jep, es war eine geile Tour (lacht).

mvw: Also ist an der Zeit nach Hause zu gehen?

william fitzsimmons: Ja, für drei Wochen. Dann geht es für zwei Monate auf Tour durch die Staaten.
Das passt aber auch so. So bleibt man drin. Ich mag keine langen Pausen, da es sich dann immer komisch anfühlt wieder auf der Bühne zu stehen. So hat man gleich beim ersten Konzert das Gefühl, als hätte man nie aufgehört.

mvw: Eigentlich wollte ich mich zunächst mal nach deinem Bart erkundigen. Wächst er noch?

william fitzsimmons: Ich schätze irgendwie schon (lacht). Er ist aber irgendwie auch „verruckt“. Ich kann aber nichts dagegen machen. Mittlerweile ist er sogar auch im Weg. Manchmal muss ich ihn, wenn ich spiele, hinter die Gitarre klemmen, damit er nicht in die Saiten kommt. Ich bin aber schlichtweg zu faul etwas dagegen zu tun.

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mvw: Wann hast du entschieden dir so einen Bart wachsen zu lassen?

william fitzsimmons: Ich bin mit einem Vater und mehreren Onkels aufgewachsen, die allesamt schöne Bärte hatten. Jedoch eher so wie deiner und weniger wie mein Pelz. Als kleines Kind war also ein Bart für mich das, was es bedeutet ein Mann zu sein. So „Baumfäller“-mäßig (lacht). Ich hab mich als Teenager auch öfter rasiert, damit er schneller wächst und so ein Kram. Ich denke es war auf dem College als ich anfing mich nicht mehr zu rasieren. Irgendwie war ich froh darüber, nicht mehr so auszusehen wie die anderen. Heutzutage sieht das ja ein wenig anders aus (lacht).

mvw: Ich bin überwältigt. Es ist einfach das erste, was einem ins Auge fällt.

william fitzsimmons: Ja und es ist auch lustig, dass er so mit der Musik verbunden wird. Es sollte eigentlich egal sein, aber wir leben nunmal in einer Welt voller Ästheten und da ist es Teil des Paketes. Ich glaube auch, dass die Leute, die damals, als ich noch mein kleines MySpace-Profil hatte, sich meine Musik angehört haben, weil da dieses kleine Bild mit dem Bart war.

mvw: Sie haben dem Bart vertraut?

william fitzsimmons: Ja, sie haben dem Bart vertraut (lacht). Ich denke aber eher, dass es aus Neugier geschah, weil da etwas war, was nicht normal war.

mvw: Wie würdest du kurz und knapp dein neues Album beschreiben?

william fitzsimmons: Ich würde sagen, es ist ein Album über die Erfahrungen mit doppeldeutigen und gegensätzlichen Gefühlen, also positiven und negativen.

mvw: Es heißt „Lions“ und es kommt eher selten vor, dass du brüllst wie ein Löwe. Warum also dieses Tier?

william fitzsimmons: Ja, eher im Gegenteil. In „Lions“ geht es konkret um die biologische Mutter meiner ersten Tochter und wie ich sie sehe. Sie ist erhaben und mutig wie ein Löwe, aber gleichzeitig in einem animalischen Licht betrachtet, auch irgendwie gefährlich. Ich denke das war ein starkes Bild für mich und je älter ich werde, umso mehr verstehe ich mich und andere Leute als ein merkwürdiges Kontinuum zweier gegensätzlicher Dinge. Ich mein, es gibt meist diesen lieben und geselligen Weg des Miteinander, aber wir können auch ohne darüber nachzudenken, schreckliche Dinge tun. Ich hab mich letztens erst intensiv mit Soziopathie beschäftigt und es ist krass, dass es da keinen Weg der Behandlung, keine Medizin dagegen gibt. Das Einzige was du machen kannst, ist warten bis ein Soziopath etwas macht, einen umbringt oder so und dann weggeschlossen wird. Für mich ist das ein Beispiel von uns in einer extremen Weise und wenn ich so einen sehe, dann denke ich nicht er sei ein Tier, sondern ‘fuck, das bin ich, wenn ich falsche Entscheidungen treffe oder nicht über Konsequenzen nachdenke‘. Keine Ahnung wie ich da jetzt hingekommen bin (lacht), aber es geht letztlich um diese Gegensätzlichkeit und ich denke, dass alles da draußen gegeneinander kämpft und wir einzig immer einen Weg finden müssen, dass es funktioniert.

mvw: Also warst du dir von Anfang sicher, dass dein Album diesen Namen bekommt?

william fitzsimmons: Absolut. Ich glaube sogar, dass ich nicht einmal einen Song geschrieben hatte, als klar war, dass es „Lions“ heißen soll.

mvw: Es gab nichts zu entscheiden. Dafür aber in deiner Vergangenheit. Was würdest du sagen, war eine wichtige Entscheidung für deine musikalische Karriere und dein persönliches Leben?

william fitzsimmons: (überlegt) Vor ein paar Jahren hatte ich karrieretechnisch eine Art Zusammenbruch, als die Dinge, sagen wir mal, ein wenig eklig wurden und die Balance zwischen Kunst und Geld nicht mehr stimmte. Da waren auf einmal Diskussionen über Singles, Radio und Songlängen um mich herum im Gange, was mir gar nicht gefallen hat. Ich mein, ich hab nichts gegen diese Herangehensweise. Manche machen das so und das ist auch gut so. Aber das ist defintiv nicht mein Weg. Ich mag eher das Gegenteil und das habe ich für mich herausgefunden. Ich lebe von meiner Musik und habe es geschafft jene vor diesen Einflüssen zu schützen.

mvw: Wenn man sich so deine Vita durchliest, stößt man unumgänglich auf deine Kindheit. Die war schon anders. Würdest du sagen, dass du dadurch Dinge eher verstanden hast, als andere?

william fitzsimmons: Manche. Andere wiederum nicht. Ich hab zum Beispiel erst spät Auto fahren gelernt oder ich habe erst gelernt, wie es ist verheiratet zu sein, als wir uns geschieden haben (lacht). Im Ernst, da waren Zeiten, in denen ich ein Kind im Körper eines Heranwachsenden war. Andererseits gab es da auch Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die richtig früh kamen. Da ist zum Beispiel eine Geschichte mit meiner Mutter, die ich oft erzähle. Es gab Momente als mein Bruder und ich zu Hause saßen und auf sie gewartet haben. Sie kam aber nicht und wir hatten Angst, da sie blind ist, sich verirren kann und dann auch ihr Blindenhund gottverdammt nicht weiß in welche Richtung er gehen soll. Also, sind wir raus und haben sie gesucht. Genau solche Dinge, zu wissen, dass man mehr Obacht geben muss als seine Freunde, waren ein wenig unheimlich. Aber, ich würde niemals tauschen wollen. Sie waren und sind wundervolle Eltern. Die Wahrheit ist doch auch, dass keine Familiengeschichte perfekt ist (lacht). Ich bin ehrlich dankbar, weil sie mich zur Musik führten und mir unendlich viel Mut gaben. Ich habe mehr gute Sachen gelernt, als das es schlecht war.

mvw: Ist oder war das auch Inspiration für deine Musik?

william fitzsimmons: (überlegt) Ich weiß nicht so recht. Ich würde sagen, dass ich zum Beispiel meine Liebe zur Psychologie von meiner Mutter hab. Sie ist eine sehr offene und spirituelle Frau. Mein Vater weniger. Sie hat mir gesagt, dass es gut ist mit Emotionen umgehen zu können und ehrlich zu sein und so schreibe ich meine Songs. Auf diese Weise ist es immer noch Inspiration. Ansonsten hab ich die Vergangenheit oder zumindest das meiste verarbeitet, bzw. möchte ich auch nicht mehr verarbeiten (lacht).

mvw: Was ist eigentlich dein Lieblingsgetränk auf Tour? Ich hab die Theorie, dass je „weicher“ die Musik, desto krasser das Tourleben.

william fitzsimmons: Bourbon! Ich habe in Kentucky gelebt und dort gibt es Whiskey auf der einen Seite, aber Bourbon auf der anderen. Er wird dort hergestellt und ist nur Original, wenn er von dort kommt. Ich bin ein großer Fan. Egal (lacht). Es ist mein Gift. Ich hab es schon gestern auf der Bühne erzählt. Vor ein paar Nächten hatte ich ein wenig zu viel, bin dann auf dem Klobrillenrand aufgewacht und mein Bart hing in der Toilette. Danach nahm ich erstmal das beste Bad, was ich jemals genommen habe (lacht). Das ist aber nicht der Normalfall. Mario, unser Tourmanager, tourt mit Bands wie den Libertines. Dagegen ist unser Tourleben langweilig und obendrein sind wir auch zu alt, um dann am nächsten Tag wieder fit zu sein.

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mvw: Wann hast du eigentlich gemerkt, dass sich deine Berühmtheit geändert hat?

william fitzsimmons: Als die Leute anfingen mir Nachrichten mit sehr persönlichen Geschichten zu schreiben. Es war ein bisschen wie eine Therapiesitzung. Sie haben über ihre Scheidung oder einen Todesfall in der Familie geschrieben, und dass meine Musik sie berührt und ihnen hilft. Zu dem Zeitpunkt war ich nicht mal ein Musiker. Ich war bloß ein Kerl, der ein paar Songs schreibt. Als die Nachrichten mehr wurden, habe ich gemerkt, dass da etwas ist, ohne aber zu wissen, was es ist. Es hatte nichts mit Verkaufszahlen oder großen Konzerten zu tun. Es war einfach das Persönliche.

mvw: Gibt es da eine Geschichte, die du vielleicht erzählen magst? Vielleicht eine lustige und weniger persönliche?

william fitzsimmons: Die sind alle schön, aber da ist eine süße. Da kam mal ein Typ nach einem Konzert zu mir und dankte mir für den Song „If you would come back home“. Er sagte mir, dass sein Hund weggelaufen sei und das ganze Lied ihn daran erinnert. Es war klar, dass er seinen Hund sehr liebte und ich fand das einfach nur cool. Ich weiß gar nicht, ob er eigentlich je wieder zurück kam. Wie dem auch sei, es ist einfach gut, die Reaktionen zu erfahren. Manche Leute spielen Songs von mir auf ihren Hochzeiten, auch wenn man nur wenige meiner Songs auf Hochzeiten spielen sollte (lacht), und das ist ein großartiges Gefühl.

mvw: Gibt es eigentlich Unterschiede beim Touren in den verschiedensten Ländern?

william fitzsimmons: Klar, es ist jede Nacht anders. Man könnte das natürlich in Stereotypen einordnen und sagen, alle Amerikaner sind so, aber wenn man genauer hinschaut, wird man erkennen, dass alle Leute ähnlich und verschieden zugleich sind. Aber gut, im Allgemeinen würde ich sagen, dass das europäische Publikum loyaler ist. Sie nehmen sich Sachen schneller an und sind genügsamer. In Amerika haben wir gerade dieses launische Verhalten gegenüber Kunst, sodass die Leute nicht einfach mit einem Song zufrieden sind. Sie wollen immer mehr, sonst kommt halt der Nächste dran. Hier kommen die Leute selbst zu deinem Konzert, wenn sie deine aktuelle Platte nicht mögen. Sie sind weitsichtiger. Nichtsdestotrotz, es gibt überall gute Menschen vor denen es Spaß macht zu spielen. Ich habe schon an den verschiedensten Orten gespielt und da waren viele schöne dabei.

mvw: Aber auch Backstage? Ich meinte auch die Art und Weise wie man am Spielort empfangen wird.

william fitzsimmons: Oh ja, das kann sehr verschieden sein. Nehmen wir zum Beispiel die UK, dort bekommst du, außer du bist vielleicht „fucking Coldplay“, ein Sandwich und ein Bier und kannst dich glücklich schätzen, egal wo du da spielst. Ansonsten würde ich sagen, dass man in Europa am meisten wertgeschätzt wird. Also, ich hab noch nicht in Japan gespielt, aber gehört, dass es einem dort auch gut geht. Letztlich braucht es ja auch nicht viel, um sich wohl zu fühlen, aber es gibt natürlich auch Situationen, in denen ich schnell verärgert sein kann, wenn nur wenige, wichtige Dinge, wie zum Beispiel Privatsphäre, nicht vorhanden sind. Speziell in der Vergangenheit, als wir noch die kleinen Bars in Texas bespielt haben, habe ich gelernt, was es bedeutet einen Raum zu haben, den man sein Eigen nennen kann. Das Equipment funktioniert nicht, die Bühne ist scheiße und die Leute schauen Football, während du persönliche Folksongs trällerst. Du weißt, was ich meine. Aber was bedeutet das schon? Wenn ich mich darüber beschweren würde, wenn gleichzeitig an anderen Orten Kinder nichts zu essen haben, dann wäre das…

mvw: Jammern auf hohem Niveau (auf deutsch)?

william fitzsimmons: Was bedeutet das? „Jammern…“

mvw: Schlechte Übersetzung: „Crying on high level.“

william fitzsimmons: Ahh, yeah. Wir würden es „white people problems“ nennen. Also, wenn dein Hummer mal nicht einsatzfähig ist und du leider mit deinem Cadillac fahren musst (lacht). Ja, aber wie jeder andere, hab ich auch mal diese Momente. Vor allem wenn man müde ist und das Leben einem ein wenig zu sehr mitten ins Gesicht geht, dann braucht man mal eine Pause.

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mvw: Ich hab gelesen, dass deine Tochter auf Miley Cyrus‘ „Wrecking Ball“ steht. Ist dem immer noch so oder konntest du sie mittlerweile von deiner Musik überzeugen?

william fitzsimmons: Ja, sie liebt sie, aber manchmal auch meine Musik (lacht). Meine Frau ist ja auch Musikerin und sie hat definitiv die besseren Karten bei unserer Tochter. Davon abgesehen, hat sie einen richtig guten Musikgeschmack. Sie geht voll auf 70er Folkmusik ab. Sie will mehr und mehr davon, aber natürlich, wenn du zwei Jahre alt bist, dann willst du tanzen (lacht). Hast du Kinder?

mvw: Nein, noch nicht.

william fitzsimmons: Es ist großartig und du wirst all deine Vorurteile gegenüber Musik über den Haufen werfen, wenn du dein Kind tanzen siehst. Du wirst sogar auf ein Justin Bieber-Konzert gehen (lacht). Du wirst alles aufgeben. Äh, ok, das vielleicht nicht (lacht). Mach das nicht.

Webseite: williamfitzsimmons.com

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