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„Wir leben im Rotlichtviertel.“ – Wolfman im Interview

Wolfman kommen aus Zürich und machen gerade mit ihrem Album „Unified“ im Gepäck ihre ersten Erfahrungen auf deutschen Bühnen. Dass dies gleich mal als Support von Hercules & Love Affair passiert, lässt darauf schließen, dass das was sie machen, nicht das schlechteste sein kann. „Gnädig.“, bezeichnen sie das Publikum hierzulande, was gleichwohl ihre bescheidene Ader zum Vorschein bringt. Nach der Tour wollen sie sich erstmal zurückziehen, um in Ruhe und „ohne Geldstress“ an ihren neuen Songs zu arbeiten. 2015 soll das zweite Album veröffentlicht werden. Wie das so ist mit dem Geldstress in der Schweiz und warum eigentlich so wenig Musik aus ihrer Heimat rüber schwappt, haben wir mit Katerina, Angelo, Markus und Hans geklärt.

mvw: Na, wie lebt es sich denn als Musiker in der Schweiz?

katerina: Teuer. Wir haben aber auch den Luxus, dass wir Teilzeit arbeiten und Musik machen können. Das lässt sich gut kombinieren.

angelo: Wir sind da vielleicht nicht repräsentativ, da wir in der abgefucktesten Ecke von Zürich wohnen, aber dort lebt es sich gut.



katerina: Wir leben im Rotlichtviertel und es ist ganz ok. Ich mein, das was man in der Schweiz als unsicher bezeichnet, darüber können andere Länder wohl nur müde lachen.

mvw: Aber, Musik und Schweiz sind irgendwie zwei Dinge, die in Kombination nicht so häufig populär auftreten. Man könnte das jetzt zwar klischeebehaftet auf einen Künstle runter brechen, aber das möchte ich nicht…

angelo: Doch kannst du. Das Problem ist, dass es sich in der Schweiz zu gut leben lässt und damit die Risikobereitschaft bei vielen Musikern nicht all zu hoch ist. Du willst folglich nicht auf fließendes Wasser und eine Homebase verzichten. In der Schweiz verdienst du mit den dreckigsten Jobs verhältnismäßig viel Geld, wenn du es mit Vietnam vergleichst (lacht) oder auch mit Deutschland, und das ist eine Bremse, die Wohlstandsbremse. Schaut man sich aber Schweden an, dann geht meine Theorie irgendwie auch nicht auf. Ich weiß nicht…

katerina: Wenn ich mir erlauben darf… Ich möchte da niemandem zu nahe treten, aber in der Schweiz herrscht Konservatismus. Ich bin umgeben von „anderen“ Schweizern, aber ich kenne dort ganz viel konservativ denkende Menschen. Nicht mal die Musiker, von denen gibt es im Übrigen einige sehr gute, eher das Publikum oder die Veranstalter. Ich habe das Gefühl, es braucht eine ganze Zeit, ehe die Leute etwas cool finden. Wenn zum Beispiel in Deutschland etwas geil ist, dann braucht es zwei Jahre bis es in der Schweiz ankommt.

angelo: Das ist wie mit den Deutschen in der Schweiz. Anfangs war es so: „Hilfe, zu viele Deutsche.“ und nach zwei Jahren war dann alles total easy (lacht).

katerina: Schweizer brauchen immer so einen Moment. 

mvw: Katerina, du hast ja den Vergleich. Du bist in verschiedenen Ländern aufgewachsen… Wo hast du die längste Zeit verbracht?

katerina: Schon in der Schweiz. Also, ich bin in Bulgarien geboren, hab in Frankreich gelebt, bin in den USA aufgewachsen und bin dann in die Schweiz gekommen. 

mvw: Also könntest du einen Vergleich ziehen?

katerina: Das ist eher schwierig, da ich meine „bewussten“ Jahre in der Schweiz gehabt habe. Meine Familie ist überall verstreut. Ich bin noch viel in den USA und Bulgarien, aber ein Vergleich ist da schwierig. Musikalisch wäre das Ganze wohl auch zu subjektiv, da ich nur die Musiker kenne, die um mich herum sind und die müssten eigentlich alle weltbekannt sein (schmunzelt).

angelo: Die Schweiz ist auch eine Art geschütztes Musiker-Nest. Es gibt Förderungen für Bands, aber ich habe das Gefühl, dass man sich gerne darauf ausruht, dass es in der Schweiz klappt. Aber tourt man da ein bisschen herum sind die Ressourcen relativ schnell erschöpft.

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-angelo-

mvw: Wie nehmt ihr dann Dinge, wie zum Beispiel das Einwanderungsgesetz, wahr?

angelo: Man fühlt sich ein wenig machtlos. Es ist eine Diktatur der Mehrheit. Demokratie ist da irgendwie ja auch Segen und Fluch zugleich.

markus: Es wurde ja nur sehr knapp angenommen, mit nicht einmal ganz 51 Prozent. Das heißt, die Hälfte der Stimmen in der Bevölkerung waren auch dagegen und der Protest war groß.

katerina: Man protestiert aber immer im Nachhinein. Ich hab ein Problem damit. Die Rechten haben eine gewaltige Propaganda-Maschine und die Linken sind einfach nicht gut genug organisiert und haben nicht genügend Biss um die Massen zu mobilisieren. Da ziehen natürlich irgendwelche Angst verbreitende Plakate…

angelo: Und! Uns geht es zu gut.

katerina: Genau, ich kenne so viele, die gehen nicht mal zur Abstimmung und regen sich danach auf.

angelo: Ich meine, das Einwanderungsgesetz ist doch nur ein kleines Problem. Es gibt so viele schwerwiegendere Probleme. Unsere Kinder werden wohl in einer kaputten Welt aufwachsen. Ich frage mich einfach nur, warum geht da niemand auf die Straße. Warum will niemand einen sozialeren Kapitalismus? Ich denke, das System wie es gedacht war, ist nicht ganz so schlecht und so böse. Es gibt halt zu viele Lücken, die ausgenutzt werden können.

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-katerina-

mvw: So, genug der Probleme. Wo geht man in Zürich feiern?



katerina: Kreis 4, wo wir leben, und neuerdings raus Richtung Altstetten. Da gibt es genug Bars, Clubs und illegale Partys. Kreis 4 ist bzw. war das Ausgehviertel. Wir haben heute erst darüber gesprochen. Ein altes Atelier wird jetzt durch eine vegetarische Kettenbude ersetzt…

angelo: Scheiß auf die Gentrifizierung! (lacht)

katerina: … genau, bei uns geht das langsam vorbei.

angelo: Es gibt aber viele kleine Cafés, wo man sich aufhalten kann und zwei bis drei ganz gute Clubs.

hans: Zukunft und Gonzo sind die Läden, wo man hingehen kann.

katerina: Zumindest in unserem Revier. Wir sind eher faul und kommen nur wenig raus. Es gibt jedenfalls einen Umbruch.



mvw: Wenn wir von illegalen Partys sprechen… Ist das eine Szene in der ihr euch auch musikalisch bewegt?

katerina: Nee.

mvw: Habt ihr euch da zufällig kennengelernt?

katerina: Nein, Angelo und ich wohnen im gleichen Block Tür an Tür und haben uns so kennengelernt. Auf den Partys läuft eher elektronische Musik.



markus: Muss ja auch schnell abbaubar sein (lacht).

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-markus-

mvw: Ihr habt euch im Block kennengelernt und dann kam das Projekt ins Rollen?

angelo: Genau, wir zwei haben zunächst ein paar Sachen komponiert und dann haben wir angefangen mit Markus zu arbeiten. Er ist der Mann mit dem Plan. Der Hauswart, der alles kann.

katerina: Wir wären auch ohne ihn jetzt nicht hier, da er unterwegs schon den Auspuff repariert hat (lacht).

angelo: Er kann einfach alles.

markus: Dankeschön.

angelo: Dann kam noch Hans dazu. Er hat mitproduziert.

mvw: Hans, was machst du eigentlich?

hans: Ich spiele den E-Bass, also die Synthis.

katerina: Er ist eigentlich Rapper, Produzent und Schauspieler, ein Tausendsassa.

angelo: Man kennt ihn unter dem Namen „chocolococolo“.

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-chocolococolo-

mvw: Wo geht’s in Zukunft hin mit Wolfman?

angelo: Nach dieser Tour fangen wir an, an neuen Songs zu tüfteln und das, was es bisher gibt, klingt schon anders als die bisherigen Lieder. Zum Spaß nennen wir es gerne „Gangsta-Pop“ (lacht). Wir wollen aber nicht zu viel versprechen.

mvw: Hans, ist das dein Einfluss?

hans: Nee, das machen die schon selbst.

katerina: Vielleicht hat er uns inspiriert. Wir hören uns gerne seine Beats an und denken, dass wir so etwas auch mal einbauen müssten. Mich beeinflusst er mit Sicherheit, da ich die kürzeste Musik-Karriere hab und somit am beeinflussbarsten bin. Ich war Fan von seiner, aber auch von Angelos Musik und hab mich da mit reingeschmuggelt.

angelo: Nett wie wir waren, haben wir sie reingelassen.

mvw: Wie ist das jetzt mit den drei Typen an deiner Seite?

katerina: Super, sie sind ganz lieb und lassen mich auch mal die „Queen B“ spielen, um dann hinterm Rücken zu sagen: „Auf Mute stellen, die kann eh nicht singen.“. Nein, ich fühl mich aufgehoben. Sie haben mich in das ganze Geschäft eingeführt. Ich hatte mein erstes Konzert mit ihnen und ich hatte echt keinen Plan. Ok, ich wusste da ist mein Monitor und da muss ich rein singen, aber das war’s dann auch.

angelo: Auf der größten Bühne, auf dem Zürich Open-Air.

katerina: Ja, das war eine witzige Geschichte. Ich stand da auf dieser riesigen Bühne und Angelo kam her und meinte, ich würde mich gut hören können.

angelo: Ich bin da auch ziemlich stolz auf meine Entdeckung (alle lachen). Im Ernst, ich hab vorher ganz andere Musik gemacht. Ok, du wolltest erst mit Markus Musik machen, aber dann hab ich gesagt: „Du hast so eine gute Stimme, du kannst bestimmt gut singen.“ und zum Glück haben wir zueinander gefunden.

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 -Welchen Auspuff hat Markus repariert?-

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